Mapping und Welcome-Apps

  • Das Mittelmeer ist nicht dicht: zwar sind die Rettungs-NGOs weitgehend lahmgelegt, aber noch immer schaffen es viele Migrant*innen auf größeren Holzbooten oder mit Mutterbooten, über das Meer zu kommen: nach Griechenland, nach Italien und nach Spanien..
  • In Italien wurden die offiziellen Lager weitgehend geschlossen. Es wird damit gerechnet, dass sich 140 000 Personen in diesem Jahr eine neue Bleibe suchen müssen. Viele versuchen, über die Alpen weiter nach Norden zu reisen.
  • Es gibt eine große Zahl von Migrant*innen und Geflüchteten in Europa, die ohne Chancen registriert und “ausreisepflichtig” sind oder die sich den Dublin-Rückschiebungen entziehen.
  • Der Widerstand gegen die Residenzpflicht erfordert solidarische Strukturen in den Städten. Solidarity Cities sind zudem die einzige gute Alternative zu ANKER-Zentren und Abschiebungen.

Über das Mittelmeer bräuchten wir Fähren. In Europa brauchen wir sichere Häften, Korridore der Migration und Solidarity Cities, um das Recht auf Bewegungsfreiheit faktisch durchzusetzen.

Die informelle Binnenmigration folgt quer durch Europa den Wegen, die durch selbstorganisierte Netzwerke erprobt sind und sie trifft in den Städten auf zahlreiche informelle solidarische Strukturen. Aber wir wissen auch, dass viele Migrant*innen und Geflüchtete keinen Zugriff auf diese Netzwerke haben. Sie wissen nicht, wohin sie gehen und wo sie bleiben können. Deshalb entstand die Überlegung, dass es neben den Länder-Guides von W2eu auch Städte-Guides geben müsste und in den Städten Info-Points und Hostels. In diesem Zusammenhang kam die Diskussion auch auf den Sinn von Welcome Apps.

Beim Thema der Solidarity City geht es einerseits um “Alle die hier sind, sind von hier”, um Selbstorgnisation, Nachbarschaft und Zugehörigkeit, um Recht auf Stadt und Citizenship. Dagegen ist der Aspekt der Öffnung der Städte für Newcomer in den Diskussionen oftmals zu kurz gekommen. Citizenship und Bewegungsfreiheit gehören zusammen!

Unsere Freund*innen aus der Schweiz sind auch in dieser Hinsicht einen Schritt voraus gegangen. Die Autonome Schule Zürich und das Bleiberecht-Kollektiv in Basel haben Bleibe-Führer herausgegeben. In Marseille hat das Transborder-Kollektiv schon 2017 die QX1-Platform ins Netz gestellt, die Informationen teilt für Migrant*innen, die neu in die Stadt kommen und bleiben wollen, oder die sich auf der Durchreise befinden:

The QX1 platform is based on the idea that the experiences of people who have arrived in the past can beneft those who arrive in the city today (or tomorrow!).
It is composed of:
– a multilingual website and app (qx1.org) that make the stories of the people we met widely accessible
– a mapping of resource places (the Welcome Map of Marseille) accessible on the site and displayed in areas where migrants are welcomed
– printed media (Welcome Doc), which allow to convey information of first use, in addition to virtual spaces
– but also, permanent offces and workshops in different parts of the city and with partner structures receiving public funding.

Auf dem RAS-Treffen in Hamburg haben wir am 18. Mai einen Workshop zu City Mapping gemacht, auf dem ein Projekt aus Köln ( https://solidary.city) und ein Projekt aus Berlin ( https://arriving-in-berlin.de) inputs gegeben haben:
Das Kölner Projekt wird von einem Openstreetmap-Spezialisten betrieben, der mit den technischen Vorbereitungen sehr weit vorangeschritten ist. Die Eintragungen sind weltweit einsehbar und und enthalten die Informationen, die von der Netzgemeinde weltweit eingestellt werden. Diese Einträge sind nicht spezifisch, sie enthalten aber wertvolle Hinweise wie WLAN-Hotspots, kostenlose Zeltplätze, Toiletten oder Duschmöglichkeiten.
Der Berliner Projekt begann als Projekt registrierter Refugees in einer Unterkunft, in Zusammenarbeit mit dem HKW. Es war also ein Projekt registrierter und inzwischen anerkannter Refugees, und dem entsprechend fehlen die Informationen, die für nicht registrierte Newcomer als erstes von Bedeutung sind: Essen, Schlafen, Sicherheit, Informationen. Die drei Personen, die sich mit Arriving in Berlin derzeit noch beschäftigen, würden sich aber freuen und daran mitarbeiten, wenn die App in dieser Hinsicht erweitert werden könnte.

Für die Funktion einer Welcome-App sind die technischen Voraussetzungen unabdingbar – wirklich zum Leben erweckt aber wird sie durch die konkrete Untersuchungsarbeit in den Städten und Stadtteilen. Wir müssen die Städte “von unten her” neu kennen lernen, neue Möglichkeiten werden sich erschließen. Also von den bestehenden solidarischen Orten und Netzwerken ausgehen und sich dann Straße für Straße durchfragen, welcher Laden, welche Gastwirtschaft und welches Café, welcher Park und welche Badestelle interessant wären. Mit den Menschen ins Gespräch kommen, vielleicht die Arrival-Orte mit einem Solidarity-City-Sticker kennzeichnen und diesen als Werbetträger für Solidarity City und auch für die Geschäfte selbst nutzen? Die solidarischen Orte könnten Spendenboxen aufstellen und sich dadurch, wenigstens zum Teil refinanzieren. Nicht minder wichtig wäre auch die Kennzeichnung gefährlicher Orte, an denen rassistische Kontrollen besonders häufig sind. Nicht am Haputbahnhof oder am Alex abzuhängen ist ja schon die halbe Miete.

Da könnten noch einige Phantasien zusammen kommen. Wenig Zeit haben wir alle. Vielleicht wäre eine solche Untersuchungsarbeit deshalb eigentlich nur als Projekt der Refugee-Self-Organisation möglich. Ein erster Schritt wäre vielleicht eine AG, wo die ersten Schritte diskutiert, Anstöße gegeben, Diskussionen aufgenommen, vielleicht auch ein paar Gelder mobilisiert werden, um die selbstorganisierte Untersuchungsarbeit in Gang zu bringen.

Auf dem Treffen in Hamburg wurde die Frage diskutiert, ob sich die Arbeit an
so einer App überhaupt lohne und wie viele Newcomer eine solche App benutzen würden. Sicherlich ist es richtig, dass sich ein großer Teil der People on the Move in Netzwerken bewegt und dass es viele auch aus eigener Kraft schaffen, mit einer passenden Beratungsstelle oder einem Info-Café in Kontakt zu treten. Aber eben nicht alle.
Für die Beratungsstellen und Info-Cafés selbst würde eine solche App die Arbeit erleichtern. Zudem ist der Prozess, in dem eine solche App entsteht, eine Erkundung der Stadt aus der Sicht von unten, aus Sicht der Illegalisierten, der informellen Newcomer und aller Menschen ohne Geld schon als solcher interessant. Vielleicht ist das ein „tool“ für die Refugee-self-organisation?

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