Gesundheit für Alle?

Mit der Plakatkampagne „Gesundheit für Alle?“ machen wir als Netzwerk Solidarity City Cologne auf die ungleichen Zugänge zur Gesundheitsversorgung und die sozialen Bedingungen für Gesundheit und Krankheit aufmerksam. Im Sinne einer Solidarischen Stadt setzen wir uns dafür ein, dass diskriminierende Hürden im Gesundheitswesen abgebaut und der Zugang zu Gesundheitsversorgung für alle gewährleistet wird.

Dafür müssen wir den Blick auf die Verhältnisse richten, die es zu ändern gilt:

English Version „Health for All“ |  Türkçe versiyonu | version française | النسخة العربية


EINKOMMEN UND GESUNDHEIT


Unsere Lebenserwartung und unsere Gesundheit hängen maßgeblich von unserem Einkommen und unserer Klassenzugehörigkeit ab. In Deutschland etwa leben die reichsten 10% der Bevölkerung ca. 10 Jahre länger als die ärmsten 10%.¹
Menschen mit geringerem Einkommen erkranken auch häufiger, schwerer und länger als Wohlhabende. Dabei ist das Verhältnis von Gesundheit und ökonomischer Position linear, das heißt: Je geringer unser Einkommen, desto früher sterben wir.² Und das sehen wir auch in Köln. In Mülheim beispielsweise sterben Menschen im Schnitt sechs Jahre früher als in Lindenthal!³ Diese Zahlen zeigen schwerwiegende Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft auf: Unterschiedliche Formen von Benachteiligung betreffen tendenziell immer die gleichen Menschen und haben sich anhäufende Auswirkungen auf ihren Gesundheitszustand.


INFRASTRUKTUR UND GESUNDHEIT


Das hat verschiedene Ursachen: Erst einmal haben wohlhabende Menschen ganz konkret einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung. Dabei spielt nicht nur die bevorzugte Behandlung von Privatversicherten eine Rolle. In Stadtteilen, in denen mehr reiche Menschen wohnen, stehen auch mehr Ärzt:innen und Apotheken zur Verfügung.
In Chorweiler etwa müssen doppelt so viele Menschen in einer Hausarztpraxis versorgt werden wie in der Innenstadt.

Das sorgt natürlich für längere Wartezeiten seitens der Patient:innen und für weniger Behandlungszeit, sowie für gestresstes Personal. Und bei der Versorgung durch Fachärzt:innen sieht es ganz genau so aus, weswegen Menschen in strukturschwachen Stadtteilen oft länger auf dringend benötigte Therapien oder Medikamente warten müssen, oder erst gar nicht richtig diagnostiziert wird, was ihnen fehlt. Aber nicht nur die medizinische Versorgung hängt von unserer Schichtzugehörigkeit ab. Auch ob und wie oft wir überhaupt krank werden, ist eine Frage des Einkommens und anderer sozialer Faktoren.


WOHNLAGE UND GESUNDHEIT


So wird unsere Gesundheit beispielsweise auch dadurch beeinflusst, wo und wie wir wohnen. Wo und wie wir wohnen, hängt wiederum von unserem Einkommen und unseren Chancen auf dem Wohnungsmarkt ab. Menschen, die wenig Geld haben oder aufgrund von Diskriminierung oder wegen körperlicher Einschränkungen schwerer Wohnraum finden, leben oft in einem ungesünderen Umfeld.

So haben Menschen, die in Lindenthal leben, durchschnittlich 10m² mehr Wohnraum zur Verfügung als Menschen, die in Kalk leben.Wie viel Raum wir für unsere Privatsphäre zur Verfügung haben, hat maßgeblichen Einfluss auf unser Stresslevel und das wiederum auf unser Immunsystem und darüber auf unsere Gesundheit.Und auch andere Umweltfaktoren spielen eine Rolle: Dauernder Lärm durch Flughäfen, Schienennetze und Autobahnen etwa stresst uns durchgehend, was ungesund ist. Eine schlechte Luftqualität führt ebenfalls zu Erkrankungen, besonders in unseren Atemwegen. Im Jahr 2016 sind mindestens 550.000 Menschen in Europa aufgrund von Luftverschmutzung gestorben.Unsere Gesundheit hängt also auch davon ab, wie hoch die Schadstoffbelastung durch vielbefahrene Straßen in der Nähe unserer Wohnung ist, und wie viele Grünflächen es gibt (die meisten Grünflächen, und somit auch weniger Lärm und Schadstoffbelastung, gibt es in Ehrenfeld, Nippes und Lindenthal, die wenigsten in der Innenstadt, Chorweiler und Porz).


ARBEIT UND GESUNDHEIT


Unsere Arbeitsbedingungen beeinflussen unsere Gesundheit ebenfalls ganz erheblich: Wer einen stressigen und körperlich anstrengenden Job hat, wird öfter krank. Wer prekär/in unsicheren Arbeitverhältnissen beschäftigt ist, und Angst um seinen:ihren Arbeitsplatz haben muss, kann sich nicht lange genug krankschreiben, um ordentlich auszukurieren und gesund zu werden.

Erst vor Kurzem wurden uns die ausbeuterischen Verhältnisse in deutschen Fleischereibetrieben wieder vor Augen gehalten, weil an COVID-19 erkrankte Mitarbeiter:innen weiter zur Arbeit gezwungen wurden.Das hat nicht nur sie selbst, sondern auch alle Kolleg:innen gefährdet, die dort unter denselben Bedingungen arbeiten.


DISKRIMINIERUNG UND GESUNDHEIT


Soziale Ungleichheit bestimmt sich natürlich nicht nur durch unser Einkommen. In der Regel führen auch Arbeitslosigkeit und niedrigere Bildungsabschlüsse zu schlechterer Gesundheit und einer kürzeren Lebenserwartung.

Auch andere strukturelle Ungleichheiten wie Rassismus oder Sexismus (die wiederum oftmals die soziale Schicht mitbestimmen) beeinflussen unsere Gesundheit: Immer wiederkehrende Diskriminierungserfahrungen stressen, ganz abgesehen davon, dass es auch in medizinischen Einrichtungen zu (lebens)gefährlichen Diskriminierungen kommen kann. Die Müttersterblichkeit bei der Geburt ist in den USA für Schwarze Frauen mehr als dreimal so hoch wie für weiße.¹⁰ Viel medizinische Forschung wurde und wird vor allem an (cis)männlichen Körpern ausgerichtet, was zum Beispiel dazu führt, dass bei Frauen Schlaganfälle seltener und später diagnostiziert werden.¹¹ Transpersonen und Menschen, die sich nicht mit dem weiblichen oder männlichen Geschlecht identfizieren, sind in Europa regelmäßig von Diskriminierung in den Gesundheissystemen betroffen, was zu schlechterer Behandlung und erheblichen psychischen Belastungen führen kann.¹²

Menschen, die sich im Asylverfahren befinden, erhalten nur die nötigste Akutversorgung, was chronische Krankheitsverläufe verschlimmert.¹³ Die beständige Sorge, krank zu werden, begleitet einen Alltag, der oft geprägt ist von Kämpfen um angemessenen Wohnraum, Zugang zu Bildung, oft aufgezwungenen prekären Jobs und der beständigen Bedrohung durch Abschiebung. Eine angemessene Versorgung wird neben gesetzlichen Hürden durch Sprachbarrieren und Diskriminierungen verhindert.

In der Coronapandemie sehen wir deutlich, welche Gruppen besser, und welche Menschen schlechter geschützt werden. Menschen in Geflüchtetenunterkünften oder wohnungslose Menschen sind nicht nur einem größeren Ansteckungsrisiko ausgesetzt, oftmals haben sie auch keinen Versicherungsschutz und somit nur eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem. Dasselbe gilt für viele Menschen aus dem EU-Ausland oder für Selbstständige, die aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ihre Beiträge nicht mehr zahlen können.¹⁴


SOZIALE DETERMINANTEN VON GESUNDHEIT: WAS UNS KRANK MACHT


Ob Menschen gesund oder krank sind, hängt also nicht nur von ihrem individuellen Verhalten und ihren körperlichen Voraussetzungen ab, sondern auch von den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sie leben. Armut und Krankheit sind kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem. Ungleichheit in Einkommen, Wohnverhältnissen, Umwelteinflüssen, Arbeitsbedingungen und Bildung, sowie Rassismus und verschiedene Formen von Diskriminierung sind bestimmende Faktoren für Gesundheit.

Gesundheit braucht gesundes Wohnen in einer intakten Umwelt, einen sicheren Aufenthaltsstatus, gesunde Luft, die Chance auf gute Ernährung und ausreichend Möglichkeiten zur Bewegung. Gesundheit braucht soziale Verhältnisse, die gesellschaftliche Teilhabe, Mitbestimmung und Bildung frei von Diskriminierungs- und Machtstrukturen ermöglichen.

Die Zusammenhänge zwischen den Lebensbedingungen und Gesundheit sind seit Jahrzehnten bekannt und hinreichend wissenschaftlich belegt. Doch trotz steigendem Wohlstand ist der Unterschied in der Lebenserwartung armer und reicher Menschen in den letzten Jahren in Europa sogar gestiegen.¹⁵ Hier wäre es möglich und dringend notwendig, durch politische Maßnahmen gegenzusteuern. Unsere Gesundheit ist ein wertvolles, ein lebenswichtiges Gut und alle Menschen haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und eine gute Gesundheitsversorgung!

Doch an die Stelle des gemeinsamen Kampfes gegen krankmachende Faktoren in unserer Arbeitsund Lebenswelt tritt die Individualisierung von Krankheit: Die Einzelnen werden für ihre Gesundheit verantwortlich gemacht.

Deswegen ist es fatal, dass wir unsere Gesundheitsversorgung (privat)wirtschaftlichen Logiken wie Angebot und Nachfrage, und damit Konkurrenz, Kostenreduktion und Profitzwang, unterwerfen. Damit wird der Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen von Krankheit unmöglich gemacht. Das Wohlergehen der Patient*innen – und zwar aller gleichermaßen – gerät dabei notwendigerweise aus dem Blick. Die marktgerecht gemachte Versorgungslandschaft trifft die Verletzlichsten unserer Gesellschaft am stärksten.

Solange es keine Instanz gibt, die Gesundheitsversorgung gerecht koordiniert, wird es immer dort mehr Praxen, Krankenhäuser und Apotheken geben, wo die Menschen mehr Geld bezahlen können.

Solange es keinen unbedingten Zugang zu medizinischer Versorgung für alle gibt, werden manche Menschen eben nicht versorgt, was auch für die öffentliche Gesundheit (gerade in Pandemiezeiten) fatal sein kann.

Solange unser Bildungssystem nicht allen Menschen dieselben Möglichkeiten bieten kann, werden Armut und damit auch geringere Lebenserwartung von Generation zu Generation weitervererbt. Und solange es keine eindeutigen Regeln gegen ausbeuterische und prekäre Arbeitsverhältnisse gibt, wird es krankmachende Arbeitsbedingungen und Menschen geben, die krank zur Arbeit gehen müssen, um Geld zu verdienen.

Gesundheit für alle kann es nur geben, wenn wir uns den grundlegenden Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft bewusst werden und bereit sind, etwas an ihnen zu ändern!

 

___________________
___________________


Weitere Informationen:
http://www.sozialpolitik-aktuell.de/sozialpolitik_aktuell_startseite.html
https://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0003/239934/E59555G.pdf
https://read.oecd-ilibrary.org/social-issues-migration-health/international-migration-outlook-2020_ec98f531-en#page8

1 Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte: Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin (Sonderausgabe 2015: Soziale Determinanten von Gesundheit). Editorial, S. 3. https://gbp.vdaeae.de/index.php/158-2015/2015-sonderausgabe/1211-gbp-sonderausgabe-2015-editorial-poliklinik
2 Matthis Richter, Klaus Hurrelmann: Warum die gesellschaftlichen Verhältnisse krank machen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2007 (Gesundheit und soziale Ungleichheit), S.5.
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30172/gesundheit-und-soziale-ungleichheit
3

4 Kölner Statistische Nachrichten 1/2019: Statistisches Jahrbuch Köln 2018, 95. Jahrgang, S.121. https://www.stadtkoeln.de/mediaasset/content/pdf15/15_statistisches_jahrbuch_2018_bfrei.pdf

5 Kölner Statistische Nachrichten 1/2019: Statistisches Jahrbuch Köln 2018, 95. Jahrgang, S.141. https://www.stadtkoeln.de/mediaasset/content/pdf15/15_statistisches_jahrbuch_2018_bfrei.pdf
6 Siegfried Hoc: Psychoneuroimmunologie: Stress erhöht Infektanfälligkeit. Ärzteblatt Februar 2003.
https://www.aerzteblatt.de/archiv/35552/Psychoneuroimmunologie-Stress-erhoeht-Infektanfaelligkeit
7 Zahlen der World Health organisation (WHO).
https://www.euro.who.int/de/health-topics/environment-andhealth/pages/news/news/2019/6/beat-air-pollution-to-protect-health-world-environment-day-2019
8 Kölner Statistische Nachrichten 1/2019: Statistisches Jahrbuch Köln 2018, 95. Jahrgang, S.17.
https://www.stadtkoeln.de/mediaasset/content/pdf15/15_statistisches_jahrbuch_2018_bfrei.pdf
9 Werner, Thomas: Corona bei Tönnies. Fleisch-Skandal: Kölner Gewerkschaft legt erschreckende Zahlen vor,
Express vom 02.09.20.
https://www.express.de/koeln/corona-bei-toennies-fleisch-skandal—koelner-gewerkschaftlegt-erschreckende-zahlen-vor-37279554
10 Pundy, Doris: Warum die USA eine hohe Müttersterblichkeitsrate haben, Deutsche Welle vom 29.09.19.
https://www.dw.com/de/warum-die-usa-eine-hohe-m%C3%BCttersterblichkeitsrate-haben/a-50447663
11 Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Schlaganfall: Frauen im Fokus der Forschung.
https://dgn.org/neuronews/neuronews/schlaganfall-frauen-im-fokus-der-forschung/

12 Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege: Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität als Fluchtgrund. Queer und hier, eine Handreichung, S.12.
https://queerrefugees.files.wordpress.com/2018/03/bildungsmappe1.pdf
13 Ärzte der Welt: Stellungnahme zur Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen.
https://www.aerztederwelt.org/file/26160/download?token=pGOobSXl
14 Vetter, Stefan:
Immer mehr Menschen nicht versichert, Sarrbrücker Zeitung vom 13.08.20.
https://www.saarbruecker-zeitung.de/nachrichten/politik/inland/statistisches-bundesamt-immer-mehr-menschenhaben-keine-krankenversicherung_aid-52755939
15 Matthis Richter, Klaus Hurrelmann: Warum die gesellschaftlichen Verhältnisse krank machen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 42/2007 (Gesundheit und soziale Ungleichheit), S.5.
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30172/gesundheit-und-soziale-ungleichheit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.